1. Die Haushunde
Wie in den meisten Mittelmeerländern, so ist auch in den Kaukasusländern
ein zahlreiches Hundematerial vorhanden, das indessen vielfach ein eigenartiges
Gepräge besitzt. In den tieferen Lagen ist es am vielseitigsten vertreten,
einseitig aber scharf prononciert erscheint es in der Gebirgsregion. Neben
reinrassigen Individuen begegnen uns besonders längs der Ostküste
des Schwarzen Meeres auch zahlreiche rasselose Kreuzungsprodukte, auf welche
indessen hier keine Rücksicht genommen wird.
Von den einzelnen Rassegruppen sind die Spitzhunde relativ am stärksten
vertreten. Als auffallende Parallele zu den eigentlichen Mittelmeerländern
sei hervorgehoben, daß sie durchweg in kleinen Formen, vielfach in eigentlichen
Zwergformen gehalten werden. Pinscher habe ich besonders zahlreich in Suchum
Kale gesehen, sie fehlen indessen auch anderwärts nicht. Sie sind rauhhaarig
bis langhaarig und meist von graubrauner Farbe.
Die kurzhaarigen Foxhunde sind recht klein, ihr Leib ist auffallend langgestreckt.
Die Färbung ist sehr verschieden, häufig rotscheckig oder schwarzscheckig.
Die gewöhnlichen Spitze [im Originaltext: Spitzer] mit langer Behaarung
sind ebenfalls klein und von verschiedener Färbung. In Eriwan traf ich
schwarze Spitze, in der Gegend von Baku werden fast nur gelb-weiße Spitze
gehalten.
In Wladikawkas sieht man auffallend stark behaarte Individuen mit stark buschiger Rute und langbehaartem Gesicht. Stehohren habe ich ein einziges Mal beobachtet, sonst sind die kaukasischen Spitze durchweg hängeohrig. Dies deutet auf ein langes Verweilen im Hausstand und dient vielleicht zur Bestätigung meiner früher geäußerten Annahme, daß in dieser Region der Bildungsherd der zahmen Spitzhunde zu suchen ist. Wie ich nachwies, hat nämlich die wilde Stammform, der im Kaukasus heimische Schakal, im Schädelbau die größte Ähnlichkeit mit dem Schädel der primitiven Pfahlbauspitze Zentraleuropas.
Den echten Schäferhund habe ich in den Kaukasusländern nirgends angetroffen, er scheint gänzlich zu fehlen und dies erklärt sich wohl aus dem Umstande, daß die kaukasischen Völker zur Bewachung ihrer zahlreichen Herden ein weit besseres Hundematerial herangezogen haben. Pudel werden nur selten gehalten, je einmal sah ich kleine, schwarze Exemplare in Tiflis [Georgien] und in Suchumi [im Originaltext: Suchum, siehe auch Abchasien ].
Um so beliebter sind die Jagdhunde, die meist von kräftigem Bau erscheinen.
Ihre große Zahl steht eigentlich kaum im Verhältnis zu der Häufigkeit
des Jagdwildes, unter welchem nur Wildschweine und Bären eine nennenswerte
Rolle spielen. Das vorhandene Jagdhundmaterial ist vorwiegend aus Europa importiert.
Wie man mir mitteilt, wird es von Fremden häufig zu Jagdzwecken mitgebracht,
und dann zurückgelassen.
Die glatthaarigen, nicht übermäßig hochgestellten Jagdhunde
kommen in sehr verschiedenen Färbungen vor. Häufig sind sie reinschwarz
oder reinweiß, noch öfter weiß und schwarz gefleckt oder rotbraun
oder dunkelbraun mit hellbraunen Beine, weißer Brust und weißen
Pfoten. Auch langhaarige Hühnerhunde sind sehr beliebt, ihre Färbung
ist gewöhnlich braungelb oder schwarzbraun. Dachshunde trifft man seltener
an. Bemerkenswert ist das Zurücktreten der Windhunde, selbst auf Gebieten,
wo die Steppenflächen sehr ausgedehnt sind. Der für Rußland
charakteristische große Windhund, der den Namen Barzoi führt, fehlt
den Kaukasusländern fast ganz. Einige schlecht gehaltene Exemplare sah
ich im Teberdatal bei Teberdinsk und dann in Wladikawkas.
Etwas länger möchte ich hier verweilen bei einer in Europa wenig
bekannten Rasse, die den Kaukasusländern eigentümlich ist und mich
zu eingehenden Erhebungen veranlaßte. Es ist dies der kaukasische Gebirgshund
oder Tataren Schäferhund, wie er in seiner Heimat gewöhnlich genannt
wird.
Es ist namentlich Rodde, der verdienstvolle Schöpfer des kaukasischen
Museums in Tiflis gewesen, der auf die großen Hunde der Kaukasusländer
aufmerksam gemacht hat.
Die russischen Kynologen sind aber noch sehr wenig über diese Rasse orientiert.
Richard Strebel hat sich Mühe gegeben, von den zuständigen Fachkreisen
Näheres zu erfahren und erhielt, wie er in seinem zweibändigen Werk über
Haushunde berichtet, folgende Antwort :
" Die Rassemerkmale der russischen Schäferhunde zu geben ist sehr schwer,
denn es gibt jetzt immer weniger und weniger Vollblut russischer Schäferhunde.
Die Größe schwankt bei Rüden zwischen 60 - 75, bei Hündinnen
zwischen 50 - 65 Centimeter. Die Farbe ist weiß, rot oder grau. Leider
sind alle echt russischen Rassen mit Ausnahme des Barzoi sehr schlecht gezüchtet
und bearbeitet, am schlimmsten sieht es in dieser Richtung mit den Schäferhunden
aus ".
R. Strebel versucht dann ein Bild der interessanten russischen Schäferhunde auf eigene Faust zu entwerfen :
"Allgemeine Erscheinung ist die eines lebhaften, behenden Hundes, der
nur durch die Behaarung massig und im Ausdruck etwas finster erscheint. Er
dient nicht nur zum Treiben und Bewachen der Herden, sondern auch zum Schutz
gegen Wölfe, wozu ihn einerseits sein gutes Gebiß, anderseits sein
dicker Hautpanzer vorzüglich geeignet erscheinen läßt. Die
russischen Hirten gehen genau, wie die alten römischen Schriftsteller
uns bereits mitteilten, von der Ansicht aus, daß der Hund sich durch
die äußere Erscheinung und durch die Farbe vom Wolfe unterscheiden
muß, damit nicht nachts oder in der Dämmerung bei Angriffen Verwechslungen
vorkommen.
Der Oberkopf ist leicht gewölbt, sieht aber infolge der Behaarung stärker
gerundet aus. Überhaupt sieht der ganze Kopf durch diese [ Behaarung ]
mächtiger, schwerfälliger, stärker belefzt aus, als er in Wirklichkeit
ist. Derselbe [ Kopf ] verbreitert sich nach den Ohren allmählich. Der Übergang
zum Nasenrücken geschiet durch einen geringen Absatz. Die Augen sind ziemlich
groß, dunkel und von sehr klugem Ausdruck. Die unteren Augenlider schließen
nicht gut, bilden sogar oft eine kleine Falte. Die Schnauze ist spitz zulaufend.
Die Nase kräftig mit großen Nasenlöchern, stets schwarz. Die
Lippen gut schließend und nach den Maulwinkeln ständig abfallend,
niemals überhängend. Die Ohren sind von mäßiger Länge
und kürzer behaart als der übrige Körper. Rute leicht gebogen,
in der Ruhe herabhängend mit mäßiger Biegung der letzten Glieder,
in der Erregung hochgenommen, niemals geringelt."
Der Beschreibung, die allerdings nicht in allen Punkten zutreffend ist, hat
R. Strebel eine Abbildung beigegeben, die indessen nicht nach der Natur gefertigt
sein kann und offenbar als Kombinationsbild aufgefaßt werden muß,
das die schöpferische Phantasie des Künstlers beeinflußt hat.
Es ist eine Art Pudel herausgekommen, das dem wirklichen Rassencharakter gar
nicht entspricht.
Eine bessere Beschreibung hat A. Heim im Jahr 1904 im Schweizerischen Hundestammbuch
in einer kurzen Reisenotiz geliefert. Er sagt über die Kaukasushunde :
"Bei meiner Reise durch Rußland 1897 traf ich meistens das gewöhnliche Gemisch unter Hunden. Nur auf der Insel Hogland und im Kaukasusgebirge sah ich besonders rassehafte Typen. Über den Schafhütehund aus dem Kaukasus habe ich mir folgende Notizen gemacht. Von Wladikawkas über die grusinische Heerstraße nach Tiflis begegneten uns in großer Zahl die Schafherden. Jeder Schäfer hatte einen, meistens zwei oder drei Hunde bei sich, die von weitem kaum aus den Schafen heraus zu erkennen waren. Es sind sehr schöne, starke, stockhaarige bis langhaarige Hunde von 70 - 75 cm Schulterhöhe, stets ganz weiß oder blaßgelb ( cremefarben ), niemals tief gelb, braun oder rotgelb, häufig aber mit schwärzlicher Maske, oft auch weiß bis zur Schnauze, Nasenschleimhaut und Lippen schwarz. Ohren sehr klein und hängend ( werden leider auch manchmal stark gestutzt ). Hinterkopf breit und sehr stark behaart, Schnauze kurz aber nicht bernhardinerartig dick und hoch, sondern rasch und gleichmäßig zugespitzt. Augen klein und tief liegend, die Bindehaut nicht sichtbar, sondern ähnlich wie beim Neufundländer. Ausdruck sehr edel und freundlich, nicht bösartig. Rute buschig, meist hängend, im Affekt geringelt getragen. Der hellfarbige, große Hund mit stolzer Haltung gewährt einen imposanten Anblick, er übertrifft die schönsten Leonberger, an die er sonst in mancher Hinsicht erinnert."
Man kann aus dieser Beschreibung unschwer das Charakteristische der kaukasischen
Gebirgshunde erkennen. Nur mit Bezug auf das freundliche, nicht bösartige
Wesen des Hundes muß ich ein abweichendes Urteil fällen.
Ich habe die grusinische Heerstraße ebenfalls von Wladikawkas bis Tiflis
begangen und die sogenannten Schäferhunde auch beobachtet. Ich gebe zu,
daß sie dort etwas manierlicher sind als anderswo, was offenbar mit dem
starken Fremdenverkehr zusammenhängt. Für gewöhnlich sind diese
Gebirgshunde, besonders da, wo Fremde selten hinkommen, entschieden bösartig,
ja oft durch ihr aggressives Wesen geradezu gefährlich, weshalb die wildesten
Individuen meist an Ketten gelegt werden. Mehrmals bin ich diesen großen
Hunden angefallen worden und verabreichte dann Fleischwaren, worauf dieselben
meist ihre Angriffe einstellten und sich sogar streicheln ließen. Gefesselten
Individuen darf man sich jedoch unter keinen Umständen nähern. Unlängst
hat endlich das offizielle Organ der Schweizerischen Kynolgischen Gesellschaft,
das "Centralblatt für Jagd- und Hundeliebhaber", in seiner Nummer
vom 10. Jan. 1913, ein nach dem Leben aufgenommenes Bild des sogenannten Hirtenhundes
veröffentlicht, das meiner Ansicht nach jedoch dem reinrassigen Typus
nicht entspricht. Zweifellos steckt in dem dargestellten Hund eine gute Dosis
Blut des kaukasischen Gebirgshundes, aber die Ohren sind zu hoch angesetzt
und so lang und breit, wie sie beim Kaukasier niemals vorkommen, auch die Behaarung
ist viel zu lang und dicht. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß es
sich um ein Kreuzungsprodukt zwischen dem russischen Hirtenhund und einem starken
Pudel handelt.
Ich will nun versuchen, an der Hand meiner verschiedenen Lokalitäten
gesammelten Beobachtungen ein genaues Bild des reinrassigen Tataren Schäferhundes
der Kaukasusländer zu geben.
Die allgemeine Erscheinung ist die eines stattlichen, ja geradezu imponierenden
Hundes von kräftigem Bau, schönem Haarkleid und gefälligen Proportionen
der einzelnen Körperteile. Der Kopf ist ungemein ausdrucksvoll, hinten
ziemlich breit und stark gewölbt, gegen die Nasengegend meist ziemlich
stark abfallend, die Backen wenig hervortretend. Der Gesichtsabschnitt verjüngt
sich nach der Schnauze hin rasch und gleichmäßig; der Nasenrücken
ist ziemlich hoch, aber wenig dick und fällt nach den Seiten senkrecht
ab. Die Lippen sind gut geschlossen, jedenfalls nie in Falten herabhängend.
Die Augen sind verhältnismäßig klein, tief liegend und bei
reinrassigen Exemplaren entschieden schief gestellt. Die konstant schwarze
Umrahmung verleiht derselben einen lebhaften Ausdruck. Die Augenlider liegen
dicht an, nie ist das untere Lid herabhängend und kehrt daher nie die
Bindehaut nach außen. Die Ohren sind immer tief angesetzt und hängend,
doch stehen die Spitzen etwas vom Kopfe ab; sie machen den Eindruck, als seien
sie ein lose hängendes Kartonstück. Im Vergleich zur Größe
des Tieres müssen die Ohren als klein und schmal bezeichnet werden. Der
Hals ist kurz und dick, der Brustkorb wohl entwickelt, die Weichen mäßig
stark eingezogen, die Beine kräftig und gut bemuskelt, die Vorderläufe
gerade. Überzählige Zehen, sogenannte Wolfsklauen, habe ich nicht
beobachten können.
Die stets stark behaarte, also buschige Rute wird hängend getragen, das
Ende nach außen gerichtet. Beim raschen Gehen wird sie aufgenommen, stark
gekrümmt und erscheint dann stets nach der linken Seite gerichtet. Die
Behaarung ist verschieden, neben langhaarigen Hunden kommen vielfach auch kurzhaarige
( stockhaarige ) Individuen vor.
Betont muß werden, daß die Behaarung des Gesichtes unter allen
Umständen sehr kurz ist, ebenso ist der untere Teil der Beine selbst bei
langhaarigen Exemplaren kurz behaart; auch die Ohren sind mit kurzen Haaren
besetzt.
Die herrschende Haarfärbung ist weißlich, was geradezu als Rassezeichen
dienen mag. Es ist aber kein reines Weiß, sondern hellgelblichweiß,
am besten kann man von cremefarbenen Hunden reden.
Indessen sind auch andere Färbungen nicht gerade selten. In meinen Reisenotizen
finde ich angemerkt, daß die Hirtenhunde im Kodortal unverkennbare graubraune
Wolfsfärbung besitzen oder graugelb sind mit schwärzlichen Haarspitzen,
wobei der Rücken und die Oberseite des Schwanzes schwärzlich angelaufen
sind.
Aber auch die weißen, beziehungsweise cremefarbenen Kaukasushunde zeigen
stets schwärzliche Stellen. So ist das Gesicht oft mit einer schwarzen
Maske versehen, gewöhnlich ist die Nasenspitze tiefschwarz, ebenso die
Lippenränder und der Nasenrücken sowie die Stirnfläche schwärzlich
angeflogen, auch die Oberseite der Ohren ist mit kurzen, schwarzen Haaren besetzt.
Die Schulterhöhe beträgt bei größeren Hunden 70 - 75 cm,
ja bei den prachtvollen Rüden des armenischen Hochlandes geht sie bis
zu 80 cm.
Das psychische Wesen ist scharf ausgesprochen. Der kaukasische Hirtenhund besitzt einen eigentümlich finsteren, wenig Vertrauen erweckenden Gesichtsausdruck, dem Fremden gegenüber ist er entschieden bösartig. Dies wird mir auch bestätigt von Dr. R. Schmidt in Tiflis, welcher mir schreibt, daß er gelegentlich von vier Hunden angegriffen wurde, welche sieben Tage zuvor eine Hyäne zerrissen hatten. "In voller Attacke jagten die besten von ihnen lautlos heran, häufig einen Kilometer weit, wenn das Terrain günstig ist ". Auch die Kurden am Ararat warnten meine Reisebegleiter dringend, ihren Hunden nicht zu nahe zu kommen.
Was die geographische Verbreitung anbetrifft, so ist der in Rede stehende Hirtenhund der Kaukasusländer entschieden ein Gebirgshund. In der Ebene begegnet man ihm selten, zudem auch nicht im reinrassigen Zustande. Zwischen 1000 und 2300 Meter Höhe sieht man ihn überall bei den Alphirten. Er bewacht hier oben die Schaf- und Rinderherden und verteidigt sie erfolgreich gegen die Angriffe der Wölfe. Die Fütterung der Alphunde geschieht bei den Hirten ausschließlich mit steif gekochtem Gerstenbrei aus grob gemahlener Gerste.
Der Name Tataren Schäferhund könnte die Vermutung erwecken, daß er
vorzugsweise von den Tataren gehalten und gezüchtet wird. Dem ist jedoch
nicht so. Ich fand diese schöne Rasse bei den Abchasen, Svaneten, Tataren,
Osseten, Grusinen, Armeniern und Kurden gleich häufig.
Wie mir russische Hundeliebhaber schon an der Küste des Schwarzen Meeres
berichteten, besitzt Hocharmenien weitaus die zahlreichsten und schönsten
Hirtenhunde. Ich habe das nachher vollständig bestätigen können.
Prachtvolle Rassetiere sah ich im Gebiet des Ararat und dann in Jelenowka am
Goktscha See, der beinahe 2000 Meter hoch gelegen ist. Einzelne Individuen
kamen an Größe einem starken Bernhardiner oder Leonberger gleich.
Ich werde weiter unten den Nachweis versuchen, daß es sich um eine autonome Hunderasse handelt, die im Kaukasus selbst oder doch in nächster Nähe herangezogen wurde. In wie weit Ausstrahlungen nach benachbarten Gebirgen, eventuell bis nach den Nord griechischen und albanischen Gebirgen stattgefunden haben, muß durch genaue Nachforschungen erst festgestellt werden.
Sicher scheint mir, daß er schon frühzeitig, d.h. in vorchristlicher Zeit nach Kleinasien gekommen ist, wo er im alten Pergamon auftaucht. Unlängst hat L. Hilzheimer auf diesen Hund mit folgenden Worten hingewiesen :
"Was etwa um 200 v. Chr. für große, zu Kämpfen verwendete Rassen in Kleinasien gelebt haben, wissen wir sehr genau durch das Pergamonrelief wo dreimal ein schwerer, langhaariger Hund mit buschiger, aufwärts getragener Rute dargestellt ist, der Stehohren, kurze breite Schnauze und kurzbehaartes Gesicht hatte. Diese Rasse ist kaum mit irgendeiner lebenden zu vergleichen, sie muß, mindestens in dieser Form, als ausgestorben betrachtet werden".
Ich kann in gewissem Sinne der Hilzheimerischen Auffassung zustimmen, muß die pergamenischen Hunde jedoch in genetische Beziehung zum kaukasischen Hirtenhund bringen. Wer letzteren gesehen hat, erkennt den Pergamonhund sofort als ganz vorzüglich dargestellt und bis auf die Ohren identisch.
Die breite Stirn, das kurz behaartes Gesicht, die rasch sich verjüngende Schnauze, die kurzhaarigen Beine und die Art, den Schwanz zu tragen, ist ganz dem Kaukasushund entsprechend. Richard Strebel will in ihm den alten Molosser erblicken, nun ist aber die Molosserfrage recht verwickelt geworden. Das der Hund von Pergamon noch stehohrig war, ist vom Standpunkt der Rassengeschichte aus jedenfalls von Interesse; ich möchte dies so erklären, daß es sich um eine primitive Form handelt, die wahrscheinlich noch nicht sehr lange sich im Zustande der Domestikation befand. Heute sind diese Hunde alle hängeohrig oder doch halb hängeohrig. Es besteht also zwischen der alten und der gegenwärtigen Form des Kaukasushundes ein ganz ähnliches Verhältnis wie zwischen dem Windhund der Pharaonenleute und dem heutigen Windhund der afrikanischen Gebiete. Ich halte es nicht für unmöglich, daß später in irgendeinem abgelegenen Gebiete noch stehohrige Kaukasushunde entdeckt werden, ähnlich wie bei genauer Nachforschung noch lebende Restkolonien der stehohrigen Windhunde zum Vorschein kamen, die in ihrem Stammlande ( in Altägypten ) ausgestorben sind, aber abseits davon in Kreta und auf den Balearen sich bis in die Gegenwart forterhalten haben.
Wenden wir uns nunmehr zur Frage der Abstammung der großen kaukasischen Gebirgshunde. Da ergibt sich bei näherer Prüfung, daß ein Zusammenhang mit den bekannten größeren Hunderassen abgelehnt werden muß. Die Verwendung zur Bewachung der Schaf- und Rinderherden sowie die Benennung "Tataren Schäferhund" könnte die Vermutung aufkommen lassen, ihn der Canis matris optimae Gruppe, d.h. den gewöhnlichen Schäferhunden zuzuweisen. Mit diesen ist er aber entschieden nicht näher verwandt, seine Abstammung ist auf eine andere Quelle zurückzuführen. Abgesehen davon, daß der Kaukasushund den gewöhnlichen Schäferhund an Größe bedeutend übertrifft, so ist auch sein allgemeiner Körperbau ein anderer. Er ist voller und muskelkräftiger, der Hinterkopf ist breiter, die Stehohren fehlen und die Schnauze ist viel kürzer und stumpfer, der Ausdruck der Augen anders geartet. Näher liegt es, an eine verwandtschaftliche Beziehung zur Doggengruppe zu denken und ihn etwa als Mittelglied zwischen unseren großen Doggen und den asiatischen Doggen des Hochlandes von Tibet zu erklären.
Die Größe und die allgemeinen Körperproportionen, auch die Art der Behaarung scheint auf eine gewisse Übereinstimmung hinzudeuten. Allein die Kopfbildung ist von derjenigen der Doggen grundverschieden. Der Kopf der kaukasischen Gebirgshunde ist weniger schwer und massig, die Schnauze weniger dick. Vor allen Dingen fehlt dem Kaukasier die für Doggen so charakteristische überflüssige Kopfhaut, die in Falten gelegt ist, hier aber überall straff anliegt, die unteren Augenlider sind niemals herabhängend, so daß der Gesichtsausdruck grundverschieden wird und die Bindehaut des Lides nie nach außen gekehrt wird. Auch die langen herabhängenden Lefzen der Doggen in der Lippengegend sind niemals vorhanden. Daher geifern auch die größten Kaukasushunde niemals nach Doggen Art, sondern ihr Maul ist relativ trocken. Demnach haben wir einen eigenartigen Stamm von domestizierten Hunden vor uns, der an eine größere Wildform anknüpfen muß und diese Wildform kann nur unter Wölfen gesucht werden.
Bei dem jetzigen Stand unserer phylogenetischen Kenntnisse steht es fest, daß wir die kleinen Hunde von Schakalen, die großen Formen dagegen von Wölfen abzuleiten haben. Freilich ist der europäische Wolf bisher nicht als Stammform angenommen worden, während für Schäferhund und Tibethund asiatische Wölfe, für den altamerikanischen Inkahund der nordamerikanische Wolf ( Lupus occidentalis ), als Stammväter anzunehmen sind. Um die Abstammung festzustellen, bedarf es vor allen Dingen Schädelmaterial. Dieses ist indessen sehr schwer zu beschaffen. Die Bewohner der Kaukasusländer veräußern ihre großen Hirtenhunde nicht gern, jedenfalls nur gegen sehr hohe Bezahlung.
Ich habe daher ein eigenartiges Verfahren eingeschlagen, um Schädel zu erhalten. In Hocharmenien, wo ich in Jelenowka besonders viele und schöne Hunde antraf, versammelte ich die jungen Burschen des Dorfes, forderte sie auf, nach allen Richtungen die Gegend zu durchsuchen und bot für jeden aufgefundenen Schädel einen halben Rubel. Das hatte zur Folge, daß ich den Besitz von vier ganz typischen Schädeln gelangte, von denen einer ganz tadellos erhalten war, während bei den drei anderen der zugehörige Unterkiefer fehlt, was zwar deren Verwendbarkeit für phylogenetische Zwecke keinen Abbruch [ im Originaltext : Eintrag ] tut.
Der Schädel ist ausgezeichnet durch einen ungemein soliden Knochenbau, alles an ihm ist kräftig und etwas massig. Auffallend erscheint bei allen Schädeln die verhältnismäßig geringe Entwicklung der Hirnkapsel, deren Wände dick erscheinen. Die crista occipitalis und crista sagittalis tritt besonders bei männlichen Individuen sehr stark hervor, beim Weibchen ist sie etwas niedriger. Die Jochbogen sind sehr massiv gebaut und treten sehr stark nach außen vor, was die Breite des Kopfes bedingt. Beim Weibchen sind die Jochbogen etwas schwächer [ausgeprägt]. Der Orbitalteil der Stirnbeine erscheint breit und kräftig entwickelt. Der Abfall der Stirn gegen die Nase [Stop] unterliegt starken Schwankungen, er ist im allgemeinen am männlichen Schädel steiler als am weiblichen. Das Gebiß ist sehr kräftig. Ich lasse die genauen Maße eines männlichen und eines weiblichen Schädels folgen:
Männchen Weibchen
Basilarlänge des Schädels 19,6 20,2
Profillänge des Schädels 23,7 22,7
Länge vom Foramen magnum zum Hinterrand des Gaumens 9,0 9,8
Länge von der crista occipitalis zur Wurzel der Nasalia 13,5 12,7
Größte Breite der Paritalregion 6,5 6,5
Stirnenge 4,2 4
Jochbogenbreite 13 11,7
Breite zwischen den Ohröffnungen 6,8 6,8
Breite des Foramen magnum 2 2
Länge der Nasalia 7,8 8,1
Schnauzenlänge bis zum Foramen infra orbitale 6,8 7,3
Schnauzenbreite 4,8 4
Länge der Zahnreihe vom hintersten Backenzahn bis zum Eckzahn im Oberkiefer
8 8,2
Aus diesen Maßzahlen ergeben sich Unterschiede, die offenbar als sexuelle Unterschiede angesehen werden müssen. Die Schädelbasis ist beim männlichen Tier kürzer geworden, die Profillänge umgekehrt länger, was mit der starken Entwicklung der Cristae beim Männchen zusammenhängt. Die Schädelkapsel zeigt geringfügige Differenzen, zum Teil absolute Übereinstimmung, dagegen ist die Jochbogenbreite erheblich verschieden. Beim Männchen erscheint die Schnauze gegenüber dem Weibchen kürzer und dicker. Nun handelt es sich darum, auf Grund von Schädelanalysen an die zugehörige Wildform anzuknüpfen. Ich hatte von Anfang an die bestimmte Empfindung, daß in dem kaukasischen Gebirgshund ein Abkömmling des europäischen Wolfes (canis lupus) zu erblicken sei. In unseren züchterischen Sammlungen suchte ich nach einem weiblichen Wolfsschädel, der für phylogenetische Zwecke am geeignetsten ist. Ich fand einen solchen vor, der höchst wahrscheinlich aus Rußland stammt. Ich finde an demselben folgende Schädelmaße:
Wolf, weiblich
Basilarlänge des Schädels 20,4
Profillänge des Schädels 23,3
Länge vom Foramen magnum zum Hinterrand des Gaumens 9
Länge von der crista occipitalis zur Wurzel der Nasalia 12,3
Größte Breite der Paritalregion 6,4
Stirnenge 4
Jochbogenbreite 12,6
Breite zwischen den Ohröffnungen 6,9
Breite des Foramen magnum 2
Länge der Nasalia 9,4
Schnauzenlänge bis zum Foramen infra orbitale 7,4
Schnauzenbreite 4,1
Länge der Zahnreihe vom hintersten Backenzahn bis zum Eckzahn im Oberkiefer
8,1
Vergleichen wir diese Ergebnisse mit den Maßen des weiblichen kaukasischen Gebirgshundes, so ist, gerade mit Bezug auf diejenigen Schädelpartien, die am konstantesten zu bleiben pflegen, die Übereinstimmung eine absolute oder doch nahezu absolute, wie z.B. in der Breite des Foramen magnum, in der Stirnenge, in der Parietalbreite, in der Basilarlänge, in der Schnauzenlänge und Schnauzentiefe, sowie in der Länge der Backenzahnreihe des Oberkiefers.
Der osteologische Befund genügt jedenfalls, um die Abstammung des kaukasischen Gebirgshundes vom europäischen Wolf als gesichert erscheinen zu lassen. Wenn die Profillänge beim Wolf etwa um 6 cm größer ausgefallen ist, so hängt das damit zusammen, daß die crista sagittalis etwas stärker ist wie bei den zahmen Form. Die Jochbogenbreite nähert sich beim Wolf mehr dem männlichen Gebirgshund; da sie starken individuellen Schwankungen ausgesetzt ist, ist [ im Originaltext : wird ] sie bei phylogenetischen Fragen also von nebensächlicher Bedeutung.
Auf die Abstammung vom russischen Wolf weist auch neben der schiefen Stellung der Augen die Haarfärbung.
In dieser Beziehung wurde es mir durch das reichhaltige Material an russischen Wölfen, daß ich in der zoologischen Sammlung der Universität Moskau und in dem dortigen zoologischen Garten zu untersuchen Gelegenheit hatte, geradezu möglich, auch die Region genauer festzustellen in welcher der russische Wolf domestiziert wurde.
Ich fand in dem Museum von Moskau eine Reihe von Exemplaren, die aus verschiedenen Provinzen des russischen Reiches stammen und in der Färbung stark voneinander abweichen. Neben grauen Wölfen sah ich Exemplare aus der Gegend von Nischninowgorod, die vollkommen schwarz sind.
Am meisten frappierten mich die Wölfe aus dem Steppengebiet der unteren Wolga. Sie sind hellgelbgrau oder hell gelblich weiß (cremefarben), genau wie die Gebirgshunde der Kaukasusländer. Das Gesicht dieser Steppenwölfe ist ebenfalls schwarz angeflogen, Maul und Lippen sind schwarz gefärbt und der Schwanz ist auf der Oberseite rauchfarben angelaufen.
Diese genaue Übereinstimmung in der Körperfärbung zwischen dem Wolf der Wolga-Steppen und dem kaukasischen Gebirgshund, der als Hüter der Herden dient, kann nicht zufällig sein, sie beruht vielmehr auf der konservativen Vererbung des Integuments und wird damit für die Phylogenese von ausschlaggebender Bedeutung. Meine Untersuchungen an Ort und Stelle und die nachträglichen Ermittlungen in Moskau ergeben somit folgendes Resultat :
Die großen Gebirgshunde im Kaukasus und in Hocharmenien sind Abkömmlinge des europäischen Wolfes ( canis lupus ), und wurden zuerst in den Steppenländern der unteren Wolga domestiziert. Im Flachlande ist die zahme Rasse durch Einkreuzung von anderen Rassen vielfach abgeändert worden, während im Gebirge reinrassige Hunde fast überall erhalten blieben.
Läßt sich die räumliche Lage des ältesten Bildungsherdes in diesem Falle an der Hand von tiergeographischen Tatsachen genauer feststellen, so können wir auch in zeitlicher Hinsicht über das Auftreten der Rasse einiges aussagen. Freilich fehlen uns Belege aus älteren Kulturschichten, dagegen kommt uns die antike Kunst zur Hilfe. Die zahme Form erscheint bereits bildlich dargestellt in Pergamon, war also schon bis Kleinasien vorgedrungen.
Daraus müssen wir den Schluß ziehen, daß die Domestikation des europäischen Wolfes jedenfalls vor Beginn der jetzigen Zeitrechnung begonnen hat. Das der Haushund im alten Pergamon noch stehohrig war, berechtigt zu der Annahme, daß die Domestikation noch nicht sehr lange eingesetzt hatte und in ihrem Anfang wahrscheinlich in das erste vorchristliche Jahrtausend fällt.
Auf alle Fälle war es ein glücklicher Gedanke, die Rinder und Schafe, die dem Wolf so leicht zur Beute fielen, dadurch zu schützen, daß man diesen in den Hausstand herüber nahm und damit den zahmen Wolf gegen den wilden Wolf ausspielte.
Zurück zu About Ovcharki - Caucasian shepherd dogs - Kaukasischer Schäferhund